Teil II der Iran-Serie
FOREIGN PERSPECTIVE // March 2026 // by Simon
Khamenei ist tot. Der oberste Führer des Irans fiel gleich zu Beginn des Krieges einem Präzisionsschlag zum Opfer. Das klassische Kalkül amerikanischer Kriegsführung, den Gegner durch Enthauptungsschläge zu lähmen, scheint nicht aufzugehen. Anders als in Venezuela funktioniert das System weiter.

Das ist die eigentliche Nachricht. Wenige Tage später wurde ein neuer oberster Führer ernannt. Entscheidungsketten blieben intakt. Die Vergeltungsschläge weiteten den Krieg systematisch auf die Golfstaaten aus. Die Straße von Hormus ist aktuell blockiert. Wer glaubte, mit Chomeinis Tod das Regime zu brechen, hatte das System der Islamischen Republik Iran missverstanden.
Was heißt das nun? Um das zu verstehen, braucht es einen anderen Blick auf Macht.
Das Dispositiv der Macht
Hier hilft uns ein Werkzeug der Machtanalyse von Foucault. Das Dispositiv. Es bezeichnet das Netz aus Institutionen, Gesetzen, Praktiken und Diskursen, welches Macht organisiert.
„Das Dispositiv selbst ist das Netz, das man zwischen diesen Elementen herstellen kann.“
Foucault, Power/Knowledge, 1980
Das bedeutet im Fall Iran: Die Macht sitzt nicht in einer Person. Sie sitzt in einem Netz. Chomenei war also nicht die Quelle der Macht, sondern ein zentraler Knotenpunkt. Sein Tod erschütterte das Machtnetz des Irans, zerstörte es aber nicht.
Die Fassade
Schauen wir uns an, wie dieses Netz im Iran konkret aussieht: Die iranische Verfassung sieht im Falle eines Ablebens des Obersten Führers vor, dass Artikel 111 in Kraft tritt. Das geschah auch in diesem Fall. Ein provisorischer Führungsrat übernahm. Ein Rat aus Klerikern trat zusammen und wählte einen legitimen Nachfolger.
Doch nicht die verfassungsmäßige Ordnung war die treibende Kraft hinter diesem Prozess, sondern ein anderer Akteur im iranischen Staat. Denn nach dem 12-Tage-Krieg im Sommer 2025 hatte sich bereits etwas verändert. Die Macht im iranischen Staat wurde breiter verteilt. Es gab mehr Befugnisse für Provinzgoverneure und die militärischen Strukturen wurden ausgebaut. Die Position des Obersten Führers wurde damit entlastet.
Die Verfassung war nicht der Mechanismus der Macht. Sie ist ihre Fassade. Die eigentliche Macht war längst verteilt und hatte ein ganz anderes Zentrum.
Der IRGC als eigentlicher Souverän
Dieses Zentrum hat einen Namen: die Islamischen Revolutionsgarden, auch IRGC genannt.

Mojtaba Chomenei ist nicht Oberster Führer geworden, weil er die religiöse Autorität seines Vaters geerbt hat. Er ist vom IRGC durchgesetzt worden.

Er tauchte bereits 2009, im Zuge der brutalen Niederschlagung der Grünen Bewegung, als enger Vertrauter der Revolutionsgarden auf. Seitdem gilt er als ihr Mann.
Der Grund ist, dass die Revolutionsgarden keinen starken Kleriker brauchen. Es liegt in ihrem Interesse, einen handhabbaren Kandidaten an der offiziellen Spitze des Landes zu wissen. Mojtaba Chomenei. Er ist jemand, der das System kennt und nicht herausfordert. Es gilt: Je geringer die religiöse Autorität des Führers, desto abhängiger ist er vom Apparat. Konsequenterweise wird dieser dadurch mächtiger.
Der Historiker Kotkin hat gezeigt, dass autoritäre Systeme ihren Repressionsapparat systematisch ausbauen. Nicht nur gegen die äußeren Feinde, sondern auch gegen die inneren Widersacher und zur eigenen Absicherung. Im Iran ist dieser Fall eingetreten. Die Revolutionsgarden sind nun kein Instrument des Obersten Führers mehr. Sie sind nun der Kingmaker.
Es bleibt die Fassade eines religiösen Staates. Die tatsächliche Macht hat sich jedoch verschoben.
Der Krieg als Katalysator
Der Krieg hat die Machtverhältnisse im Iran sichtbarer gemacht.
Der Krieg war eine Herausforderung für das iranische System, welche die Revolutionsgarden für sich genutzt haben. Nach dem 12-Tage-Krieg hatte das Regime systematisch vorgesorgt. Entscheidungsstrukturen wurden dezentralisiert. Untere Kommandoeinheiten erhielten eigenständige Handlungsvollmachten. Der Plan war klar: Selbst wenn die Führung fällt, läuft das System weiter.
Und genau das geschah.
Der Krieg hat die Revolutionsgarden unentbehrlich gemacht. Wer die Vergeltungsschläge koordiniert, wer die Milizen steuert, wer die Straße von Hormus blockiert, das ist nicht der oberste Führer. Das sind die Revolutionsgarden. In dieser für das iranische Regime existenziellen Bedrohung zeigt sich, wer die Fäden der Macht wirklich in den Händen hält.
Doch was sind die Konsequenzen für den Iran, die Zivilbevölkerung und seine Nachbarn?
Ausblick
Was bleibt, ist ein System, das überlebt hat, aber geschwächt aus dem Krieg hervorgeht.
Die Infrastruktur ist beschädigt. Die Wirtschaft steht unter enormem Druck. Das Atomprogramm ist zurückgeworfen. Mojtaba Chomeinei übernimmt ein Amt, das militärisch ausgehöhlt ist.
Das IRGC hatte wenige Wochen vor dem Tod Khameneis bereits gezeigt, wozu es fähig ist. Die Proteste im Januar 2026 schlugen die Revolutionsgarden brutal nieder. Schätzungsweise 36.500 Menschen wurden getötet. Mehr als bei jedem anderen Repressionsereignis zuvor, seit der Gründung der Islamischen Republik Iran.

Die Revolutionsgarden verfügen weiterhin über Milizen, Drohnen und asymmetrische Mittel, mit denen sie jeden Gegner des Irans empfindlich treffen können. Ein verbittertes und geschwächtes Regime bleibt eine destabilisierende Kraft in der Region.
Für die iranische Zivilbevölkerung und die Diaspora ist das eine bittere Erkenntnis. Die Hoffnung auf Wandel hat sich nicht erfüllt. Die Menschen, welche im Januar 2026 auf die Straßen gingen und brutal niedergeschlagen wurden, tragen nun zusätzlich die Last eines Krieges, ohne dass sich ihre Lage verbessert hat.
Quellenverzeichnis
Primärquelle
- Michel Foucault: Dispositive der Macht, Merve Verlag, Berlin 1978 (deutsche Version)
- Michel Foucault: Power/Knowledge: Selected Interviews and Other Writings 1972–1977, hrsg. von Colin Gordon, Pantheon Books, New York 1980 (englische Version)
Sekundärquelle Dispositiv
- Jürgen Link: Dispositiv, in: Kammler/Parr/Schneider (Hg.): Foucault-Handbuch, 2007
Analysen & Expertenmeinungen
- Stephen Kotkin: The Weakness of the Strongmen, Foreign Affairs, Januar/Februar 2026
- Azadeh Zamirirad / Marco Overhaus / Peter Lintl: SWP-Podcast, März 2026
- Nate Swanson / Richard Haass: The Foreign Affairs Interview, Foreign Affairs, 5. März 2026
- Afshon Ostovar / Sanam Vakil: Iran’s Tenacious Regime and the Future of the Gulf, Foreign Affairs, 12. März 2026
Methodischer Hinweis: Diese Analyse stützt sich ausschließlich auf Publikationen der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und Foreign Affairs. Die Perspektive ist transatlantisch geprägt.
Nicht-westliche Positionen werden in dieser Auswahl nicht berücksichtigt.

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