Foreign Perspective

Rethinking Order. Reframing Power

Der demokratische Konföderalismus

Eine politische Theorie zwischen Aufbruch und Abwicklung


Foreign Perspective Exkurs // April 2026 // by Simon


Ein Exkurs anlässlich eines Vortrags von Müslüm Örtülü, gehalten am 14. April in Berlin. Sein Vortrag fiel in einen Moment, in dem das bekannteste Umsetzungsprojekt dieser Theorie, die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, gerade seine institutionelle Form verliert. Eine Einordnung.

Warum kein Nationalstaat?

Warum entwickelt eine kurdische Bewegung überhaupt ein Modell jenseits des Nationalstaats?

Der Vertrag von Lausanne teilte 1923 die kurdischen Siedlungsgebiete auf vier Staaten auf: Türkei, Syrien, Irak, Iran. Syrien und Irak gab es vorher nicht. Die Grenzen zogen die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien. Örtülü liest das als bewusste Kolonialstrategie – eine starke Deutung, historisch umstritten, aber die Folgen sind unbestritten: Türkifizierung unter Atatürk, der Anfal-Feldzug unter Saddam Hussein mit geschätzt 180.000 Toten, der Giftgasangriff auf Halabja 1988.

Foto: Von Halil Uysal – Archive of the International Initiative „Freedom for Abdullah Ocalan – Peace in Kurdistan“, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11192274

In diesem Kontext wird Abdullah Öcalan sozialisiert. Er studiert in Ankara, wird mit dem Sozialismus bekannt und gründet 1978 die PKK. Er wird 1999 in Nairobi entführt und an die Türkei ausgeliefert. Seitdem sitzt er auf der Gefängnisinsel İmralı. Von dort aus entwickelt er seine wichtigste Theorie.

Er bricht mit dem Ziel eines eigenen kurdischen Staates. Er rezipiert den US-Anarchisten Murray Bookchin und feministische, sowie ökologische Kämpfe.

Die zentrale Frage ist:

Warum scheitern antisystemische Bewegungen so zuverlässig?

Die drei Standbeine der Theorie Öcalans

Örtülü ordnet Öcalans Theorie in seiner Dissertation als dreifache Wiederaneignung ein:

  • von Politik
  • Ökonomie
  • und Wissen

Politik heißt: radikale Basisdemokratie und Autonomie.

Foto: BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52134186

Die Bevölkerung soll in möglichst vielen Lebensbereichen eigenständig entscheiden. Flache bis keine Hierarchien. Dezentralisierung von Machtstrukturen und Vernetzung autonomer Einheiten. Am Ende steht die grundsätzliche Hinterfragung des Nationalstaats als Organisationsform. Öcalan analysiert Staatlichkeit als Instrument einer politisch-ökonomischen Elite – als „Monopol“, mit dem gesellschaftlicher Mehrwert abgeschöpft wird. Daraus folgt eine Erkenntnis, die den kurdischen Mainstream herausfordert: Die fehlende Staatlichkeit der Kurd:innen sei nicht das eigentliche Problem. Das Problem sei die zwanghafte Übertragung westlicher Konzepte in die MENA-REGION (mittlerer Osten).

Ökonomie heißt: Bruch mit der kapitalistischen Akkumulationslogik.

Lokale Gemeinschaften sollen die Kontrolle über wirtschaftliche Abläufe zurückgewinnen. Kooperativen und Genossenschaften statt Konzerne. Gebrauchswert statt Tauschwert. Bedürfnisbefriedigung statt Wachstumszwang. Allerdings bleibt Öcalan hier weniger konkret als bei der Politik. Markt und Privateigentum werden nicht abgelehnt, aber beschränkt. Monopolbildungen sollen verboten werden.

Wissen heißt: kommunales Wissen verteidigen, eigene Wissenssysteme aufbauen, den eurozentrischen Hegemonialanspruch brechen.

Hier macht Öcalan seine weitreichendsten Vorschläge. Er fordert eine „mentale Revolution“ – den Aufbau eines demokratischen Bewusstseins durch Bildung, den Neuaufbau der Sozialwissenschaften im Dienste der Gesellschaft, und die Etablierung der Jineolojî, einer Wissenschaft aus der Perspektive der Frau. Die Subjekt-Objekt-Trennung der westlichen Wissenschaft wird abgelehnt: Forschende sind Teil des Forschungsfeldes, nicht distanzierte Beobachter:innen.

Die politische Struktur, die aus diesen Prinzipien folgt, nennt Örtülü im Vortrag die „umgekehrte Pyramide“: Kommunen bilden die Basis, darüber Gemeinden, Bezirke, Kantone, Regionen.

Die Kommune ist das Herz einer Gesellschaft, nicht ihre Spitze. Ehrenamtliche Räte entscheiden vor Ort, Kollektive haben Entsendungsrechte in die höheren Ebenen. Die übergeordneten Ebenen sollen weniger Entscheidungsbefugnisse und verstärkt Koordinierungsaufgaben haben.

Daraus leitet sich der Anspruch ab, Probleme erst einmal lokal zu lösen.

Was in Rojava gelungen ist

Ab 2012 wurde das Modell in Rojava erprobt. Weltweit bekannt wurde das Projekt durch den Kampf der YPG und YPJ gegen den Islamischen Staat, besonders in Kobanê 2014.

Die Errungenschaften sind real. In Nord- und Ostsyrien wurde ein basisdemokratisches System auf Grundlage von Kommunen und Räten etabliert. Zum ersten Mal konnten Kurd:innen ihre Kultur frei ausleben. Die Gründung eines kurdischen Schul- und Hochschulsystems stellt einen Meilenstein dar. In Cizîrê wurde aramäischsprachiger Unterricht für Minderheiten eingerichtet. Der Frauendachverband Kongra Star hat vielfältige Gesellschaftsstrukturen geschaffen, die auf eine aktive Partizipation der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen abzielen. Das Co-Vorsitz-System sorgt für sichtbare Repräsentation. Die Jineolojî hat sich als eigenständiger Wissenschaftszweig etabliert, der an Akademien gelehrt und in den Kommunen vermittelt wird.

Auch ökonomisch gibt es Ansätze. Kooperativen werden als demokratische Wirtschaftseinheiten aufgebaut, ohne Hierarchien zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Selbstverwaltung subventioniert Landwirtschaft, hält Brotpreise stabil, betreibt eigene Lebensmittelketten. Bei akuter Armut greifen Kommunen direkt ein.

Was nicht aufgeht

Es bleibt eine Spannung, die sich nicht auflösen lässt.

Auf der praktischen Ebene räumt Örtülü selbst ein: Das Kommunensystem funktioniert unterschiedlich gut.

In manchen Gegenden klappt es gut, in manchen nicht. Es fehlen Aktivist:innen an der Basis. Wenn eine Kommune zu wenig Personal hat, treffen übergeordnete Ebenen die Entscheidungen. Das widerspricht dem Grundverständnis des Modells. Die vorgesehenen Wahlen konnten seit Beginn der Revolution nur einmal durchgeführt werden. Der Krieg wird als Grund angeführt. Aber das Ausbleiben von Rotation und fehlende Legitimation durch Wahlen birgt die Gefahr, hierarchische Verhältnisse zu etablieren und der Legitimität des gesamten Modells zu schaden.

Zudem steckt die ökonomische Transformation in den Kinderschuhen. Erste Kooperativen scheiterten 2014 an einem falschen Verständnis der Organisationsform. Der Aufbau erfolgt in kleinteiligen Schritten, unter denkbar schwierigen Bedingungen: Krieg, Embargo, fehlende Industrie, Wassermangel.

Auf der theoretischen Ebene formuliert der Amsterdamer Philosoph Michiel Leezenberg in einer Analyse von 2016 den schärfsten Einwand. Öcalan schweige in seinen Schriften zur Frage der Parteiorganisation.

Nirgends thematisiere er die Rolle einer revolutionären Avantgardepartei, nirgends Parteienpluralismus. Das Fehlen einer theoretischen Kritik am leninistischen Parteivanguardismus komme in der Praxis einer stillschweigenden Legitimierung der PKK-Hegemonie gleich. Das Ergebnis ähnele, so Leezenberg, einem leninistischen Ein-Parteien-Kleinstaat.

Bezeichnend war ein Moment im Vortrag: Auf die Frage, was den demokratischen Konföderalismus vom Anarchismus unterscheide, gab es keine klare Antwort.

Nicht weil Örtülü auswich, sondern weil die Theorie an dieser Stelle tatsächlich blind zu sein scheint.

Örtülü selbst notiert in seiner Dissertation, dass Öcalans theoretische Arbeit unter extremen Bedingungen entsteht.

Die Isolation auf İmralı macht den Austausch mit anderen Wissenschaftler:innen und Theoretiker:innen praktisch unmöglich. Was durch die Isolation nicht unterbunden werden kann, ist die Verbreitung, kritische Diskussion und praktische Umsetzung seiner Ideen. Aber die Lücken bleiben.

Der Stresstest

Nun zur realen Situation in den betreffenden Gebieten.

Seit dem Sturz Assads im Dezember 2024 steht das Modell vor seiner härtesten Bewährungsprobe. Im Februar 2025 rief Öcalan die PKK zur Auflösung auf. Im Mai beschloss der Parteikongress die Selbstauflösung. Im März 2025 unterschrieben SDF-Kommandant Abdi und Übergangspräsident al-Sharaa ein Integrationsabkommen. Im Januar 2026 eroberten Regierungstruppen rund 80 Prozent des bisherigen Rojava-Territoriums.

Der demokratische Konföderalismus als Regierungsmodell in Nordostsyrien ist damit faktisch zu Ende. Was bleibt, sind kulturelle Rechte, sprachliche Anerkennung, eventuell eigene Einheiten innerhalb der syrischen Armee. Das ist weit weg von der Vorstellung einer Gesellschaft in Form einer umgekehrten Pyramide.

Was bleibt vom Modell?

Zwei Lesarten stehen nebeneinander.

  • Die Ehrgeizige: Der demokratische Konföderalismus hat gezeigt, dass postnationalstaatliche Selbstorganisation in einem Kriegsgebiet möglich ist – für eine gewisse Zeit, in Ansätzen. Frauen haben eine Rolle eingenommen, die schwer rückgängig zu machen sein wird. Ein Bildungssystem wurde aufgebaut, das kulturelle Differenz nicht nur duldet, sondern schützt. Das ist ein großer Fortschritt.
  • Die nüchterne Lesart: Ein solches Projekt überlebt ohne staatliche Souveränität militärisch nicht. Und eine Theorie, die zur Frage der Parteiorganisation schweigt, liefert keine Antwort auf die Frage, wie Basisdemokratie und Parteihegemonie zusammengehen sollen.

Die Schlussfolgerung ist: Beide Lesarten sind wahr.

Wer das Modell verteidigen will, muss mit der zweiten Lesart leben. Wer es kritisieren will, darf die erste Lesart nicht verschweigen.


Quellenverzeichnis

  • Öcalan, Demokratischer Konföderalismus (2012).
  • Leezenberg, The ambiguities of democratic autonomy (Southeast European and Black Sea Studies 16/4, 2016).
  • Örtülü, Der demokratische Konföderalismus (transcript, 2024).
  • Vortrag Örtülü – zum demokratischen Konföderalismus, Berlin, am 14.04.2026.
  • Al Jazeera (12.05.2025): https://www.aljazeera.com/news/2025/5/12/kurdish-pkk-to-disband-potentially-ending-decades-of-conflict-turkey [abgerufen am 19.04.2026]
  • CNN (12.05.2025): https://www.cnn.com/2025/05/12/middleeast/turkey-pkk-militia-dissolves-intl-hnk [abgerufen am 19.04.2026]
  • Syria Direct (11.03.2025): https://syriadirect.org/syrians-welcome-landmark-sdf-deal/ [abgerufen am 19.04.2026]
  • Middle East Institute (20.11.2025): https://mei.edu/publication/damascus-sdf-agreement-two-months-fragile-progress-or-delayed-collapse/ [abgerufen am 19.04.2026]
  • Syria Direct (22.01.2026): https://syriadirect.org/along-the-euphrates-sdf-withdrawal-marks-a-turning-point/ [abgerufen am 19.04.2026]
  • Middle East Council on Global Affairs (04.02.2026): https://mecouncil.org/blog_posts/syria-sdf-integration-agreement-2026-analysis/ [abgerufen am 19.04.2026]
  • Syria Direct (10.02.2026): https://syriadirect.org/caught-between-damascus-and-qandil-sdf-integration-hangs-in-the-balance/ [abgerufen am 19.04.2026]
  • Congressional Research Service (26.02.2026): https://www.congress.gov/crs-product/RL33487 [abgerufen am 19.04.2026]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Foreign Perspective
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.