Teil I der Iran-Serie
FOREIGN PERSPECTIVE // März 2026 // by Simon
Am 28. Februar 2026 griffen Israel und die Vereinigten Staaten den Iran an. Was als begrenzte Militäroperation begann, entwickelte sich schnell zu einem regionalen Krieg. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man ein Jahrzehnt zurückblicken. Und man muss ein diplomatisches Instrument verstehen, das diesen Krieg hätte verhindern können: den Snapback.
Was ist der Snapback?
Der Snapback ist ein zentraler Teil der Resolution 2231 des UN-Sicherheitsrates. Diese Resolution gab dem Atomabkommen von 2015, dem Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA), seine völkerrechtliche Grundlage. Der Mechanismus erlaubt jedem JCPOA-Mitglied, alle zuvor ausgesetzten UN-Sanktionen gegen den Iran wieder in Kraft zu setzen. Das Besondere daran: Russland und China können diesen Schritt nicht mit einem Veto blockieren. Es bedarf keiner neuen Resolution. Das Verfahren läuft automatisch ab.


Azadeh Zamirirad von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) beschreibt den Snapback als das schärfste Instrument zur Ahndung von Verstößen gegen Rüstungskontrollabkommen. Es war als Sicherheitsnetz des JCPOA konzipiert. Wenn der Iran die Vereinbarung brach, sollte es greifen.
Am 28. August 2025 lösten Deutschland, Frankreich und Großbritannien den Mechanismus aus. Die Begründung war klar. Iran hatte Uran auf bis zu 60 Prozent angereichert. Zudem hatte Teheran die Kontrolle durch die internationale
Atomenergieorganisation erheblich eingeschränkt. Der iranische Uranbestand überstieg im Februar 2025 die JCPOA-Obergrenze um das Fünfundzwanzigfache. Am 27. September 2025 traten die Sanktionen wieder in Kraft.
Hat der Snapback etwas gebracht?
Die Antwort: Ja und Nein.
Ja.
Aus technischer Sicht funktionierte der Mechanismus. Die Sanktionen wurden reaktiviert. Die Gruppe der E3-Staaten (Deutschland, Frankreich und Großbritannien) demonstrierte, dass multilaterale Institutionen auch ohne die USA handlungsfähig bleiben. Russland und China konnten den Prozess nicht aufhalten.
Nein.
Doch Iran änderte seinen Kurs nicht. Theran drohte mit einem Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag. Die Kooperation mit der IAEO wurde weiter eingeschränkt. Expertinnen hatten dieses Ergebnis bereits früh vorhergesehen. Der Iran würde jeden Schritt im Nuklearbereich an seinen Kosten für die eigene Abschreckung messen. Der Snapback erhöhte den Druck. Er veränderte die iranische Grundkalkulation jedoch nicht.
Trumps Ausstieg als eigentliche Zäsur
Die entscheidende Weichenstellung liegt jedoch nicht im Herbst 2025. Sie liegt im Mai 2018. Damals zog Trump die USA einseitig aus dem JCPOA zurück. Trumps Entscheidung sandte den iranischen Entscheidungsträgern damals eine unmissverständliche Botschaft. Diplomatisches Engagement mit den USA ist sinnlos. Die interne Debatte in Teheran über den Nutzen von Verhandlungen war damit beendet.


Die Folgen waren konkret. Ab Mai 2019 setzte Iran die technischen Beschränkungen des JCPOA schrittweise aus. Die Begründung war stets dieselbe: der US-Ausstieg ein Jahr zuvor. In den sieben Jahren nach Trumps Rückzug hatte der Iran genug hochangereichertes Uran für mehrere Sprengköpfe angehäuft. Die sogenannte Ausbruchszeit sank damit von über einem Jahr auf nun wenige Tage. Ein immenses Risiko für die ganze Region.
Zamirirad (SWP) zieht in ihrer Analyse von Trumps zweiter Amtszeit ein klares Fazit. Die Politik des maximalen Drucks erreichte ihr erklärtes Ziel nicht. Sie bewegte Iran nicht zu nuklearen oder regionalpolitischen Zugeständnissen. Stattdessen trieb sie Teheran näher an Russland und China. Und sie beschleunigte das iranische Atomprogramm erheblich.
Schlussbetrachtung
Der Snapback war ein legitimes Instrument regelbasierter Außenpolitik. Er bewies, dass Europa auch ohne die USA handeln kann. Aber er konnte nicht das ersetzen, was 2018 verloren ging: Das Vertrauen des Irans in die Verlässlichkeit westlicher Vereinbarungen.
Wer den Krieg von 2026 verstehen will, muss nicht primär auf den Herbst 2025 blicken oder den Beginn der Kämpfe, sondern auf den 8. Mai 2018. Der folgenreiche Ausstieg der Trump-Administration I aus dem Atomabkommen.
Quellenverzeichnis
SWP – Stiftung Wissenschaft und Politik
- Zamirirad, Azadeh: Neue Atomgespräche mit Iran. Herausforderungen und Handlungsoptionen für europäische Politik. SWP-Aktuell 22/2025, Berlin, Mai 2025.
- Zamirirad, Azadeh: In unruhigem Fahrwasser – was Trumps zweite Amtszeit für Iran bedeutet. In: Trumps Rückkehr und Europas außenpolitische Herausforderungen. SWP-Studie 2025/S 03, S. 43–47.
- Zamirirad, Azadeh: Iran und die Neuordnung des Nahen Ostens. Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 18 (2025), S. 1–11.
- Meier, Oliver / Zamirirad, Azadeh: What Europe can do now to save the nuclear deal with Iran. SWP Point of View, 10. Mai 2019.
- Zamirirad, Azadeh: Irans Blick nach Osten. Asien, Eurasien und die ordnungspolitische Vision der Islamischen Republik. SWP-Studie 25/2020
Foreign Affairs
- Mousavian, Seyed Hossein: The Strategic Disaster of Leaving the Iran Deal. Foreign Affairs, 10. Mai 2018.
- Nephew, Richard: A Last Chance for Iran. Foreign Affairs, 2. Januar 2025.
- Nephew, Richard: Is a Good Iran Deal Possible? Foreign Affairs, 26. Mai 2025.
- Einhorn, Robert: The Path to a Good-Enough Iran Deal. Foreign Affairs, 29. August 2025.
Methodischer Hinweis: Diese Analyse stützt sich ausschließlich auf Publikationen der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und Foreign Affairs. Die Perspektive ist transatlantisch geprägt.
Nicht-westliche Positionen werden in dieser Auswahl nicht erfasst.


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