Foreign Perspective Exkurs // Mai 2026 // by Simon
Die Schülervertretung positioniert sich gegen die Wehrpflicht und am nächsten Tag findet in Berlin ein Schulstreik gegen die Wehrpflicht statt, so Jennifer Rosin, Schülerin aus Berlin und Sprecherin der Schülervertretung. Die Debatte komme fünfzehn Jahre zu spät. Sie hätte 2011 bei der Aussetzung der Wehrpflicht geführt werden müssen. Man hat es „verschlafen“, so Christoph Schmid, MdB und Mitglied des Verteidigungsausschusses.
Diese Aussagen stammen aus einer aktuellen Diskussion über die Wehrpflicht. Diese Runde ist eine von neun Veranstaltungen der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in der ersten Maiwoche, ausgerichtet vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH). Was hier sichtbar wird, geht über das Gesetz hinaus. Strategische Eigenständigkeit umfasst mehr als Truppenstärke und Waffensysteme. Sie braucht Menschen. Und Menschen kommen erst, wenn grundlegende Fragen geklärt sind.
Wehrdienst in Zeiten veränderter Weltlage
Die strategische Lage drängt. Beim Atlantic Talk der Deutschen Atlantischen Gesellschaft eine Woche später diskutieren unter anderem Sina Maria Schweikle, Marco Overhaus und Nico Lange die Folgen einer veränderten US-Politik. Lange formuliert es zugespitzt: Europa habe „Zeichen nicht erkannt“.
Die Zeichen sind konkret geworden. James Jeffrey, US-Diplomat unter Bush, Obama und Trump, beschreibt den Abzug der 2nd Cavalry aus Vilseck als militärisch unklug. Ben Judah, bis 2026 Chefberater des britischen Außenministers, geht weiter: Trump betreibe foreign politics statt foreign policy. Personenzentriert statt institutionell. Europa müsse als „Team Europa“ eigene Antworten entwickeln.
Daraus folgt eine Frage, die im Atlantic Talk anklingt und in der Wehrdienstdebatte zentral wird: Wer trägt das? Eigenständigkeit braucht Personal. Dieses Personal kommt aus der Gesellschaft. Eine Studie des NATO Defense College von Roderick Parkes liefert dazu einen empirischen Befund: 18- bis 24-Jährige in den Ländern des NATO-Bündnisses unterstützen den Ukraine-Effort fast gleichauf mit den 45- bis 64-Jährigen. In Deutschland sind die Jungen sogar entschiedener als Teile der älteren Kohorten.
Wer Eigenständigkeit will, braucht Repräsentation. Eine Verteidigungsfähigkeit, die nicht repräsentativ getragen wird, ist gesellschaftlich brüchig und damit strategisch fragil. Das gilt für Generationen wie für Geschlecht.
Befunde aus der Debatte
Andrea Ellner, am King’s College London zu Ethik forschend, argumentiert zur Geschlechterfrage. Solange Frauen in der Bundeswehr demografisch eine Minderheit bleiben und in dieser Institution für sich keine Verwirklichungsmöglichkeit sähen, sei eine Pflicht für Frauen nicht zu rechtfertigen. Auffällig an Elners Argument: Sie führt es nicht moralisch, sondern strukturell. Die Frage ist nicht, ob Frauen dienen sollen, sondern unter welchen institutionellen Bedingungen ein verpflichtender Dienst funktioniert. Solange diese Bedingungen fehlen, schafft eine Pflicht keine Bundeswehr, sondern ein Repräsentationsproblem mit Uniform.
Hendrik Hegemann, Friedensforscher an der Universität Hamburg, schildert die empirische Lage. Die Zustimmung zur Wehrpflicht ist nicht binär. Sie steigt, wenn das Modell beide Geschlechter einbezieht und eine soziale Komponente enthält. Sie steigt mit dem Kontext: Skandinavische Länder haben mehr Freiwillige, aber sie haben auch ein höheres gesellschaftliches Grundvertrauen, Bildungskredite, eingebettete Reziprozität. Hegemann warnt vor einer Essenzialisierung der Generationen. „Die Jugend“ gibt es nicht. Die Frage ist, welche Gestaltung Akzeptanz erzeugt.
Jennifer Rosin liefert den dritten Strang, der von außen kaum gesehen wird: den Raum. Junge Menschen, sagt sie, haben keinen Ort, um die Frage zu diskutieren. Schule scheidet aus. Die Politik fragt nicht systematisch. Die Presse stigmatisiert mit Wörtern wie „Snowflakes“ und „Weicheier“. Die Schülervertretung hat sich gegen die Wehrpflicht positioniert, auf Basis der Mehrheitsmeinung des Plenums, wie Rosin auf Nachfrage betont. Das ist demokratisch, aber es ersetzt nicht die fehlende Debatte. Wer Personal will, muss Räume schaffen, bevor er Briefe verschickt.
Die drei Befunde ergeben eine klare Diagnose: Das Personalproblem ist kein Rekrutierungsproblem. Es ist ein Verfahrensproblem.
Zivilgesellschaftlicher Anker
Die Diagnose ist nicht neu. Senghaas hat sie in den neunziger Jahren als zivilisatorisches Hexagon beschrieben: Eine Gesellschaft, die Konflikte konstruktiv bearbeitet, braucht sechs sich gegenseitig stützende Eckpunkte. Demokratische Beteiligung und soziale Gerechtigkeit gehören dazu. Ohne sie kippt das Hexagon.
Diese Logik gilt auch für militärische Mobilisierung. Wer Personal will, braucht eine Gesellschaft, die diese Mobilisierung mitträgt. Wer diese gesellschaftliche Trägerschaft will, braucht eine geteilte Vorstellung dessen, was verteidigt wird. Roderick Parkes formuliert es in seiner Studie so: Wo Eliten ihrer Gesellschaft misstrauen, schaffen sie Apathie, die sie unterstellen. Das ist die selbsterfüllende Prophezeiung. Mobilisierung gelingt nicht durch das Einfordern von Opfern, sondern durch das Anbieten einer Vision.
Christoph Schmid plädiert für Freiwilligkeit zuerst. Politisch klug, denn sie lässt der Gesellschaft Zeit und umgeht die juristischen Konflikte mit dem EU-Recht zu den Zwangsdiensten. Analytisch eine Verlegenheit, denn sie verschiebt das Aushandeln einer Vision in eine spätere Phase. Wenn die Freiwilligenzahlen nicht reichen, was auch Schmid für möglich hält, kommt die Teilwehrpflicht. Dann steht der Staat vor derselben Frage wie heute, nur noch drängender.
Wofür soll ich denn nun kämpfen?
In der Diskussion stellt Oberstleutnant Thilo Geiger eine Frage, die offen blieb: Wofür lohnt es sich, zu kämpfen? Diese Antwort kann der Verteidigungsausschuss nicht liefern. Sie muss aus der Gesellschaft kommen. Eben aus jenen Räumen, die heutzutage fehlen. Solange die Gesellschaft Deutschlands diese Räume nicht schafft, schiebt sie diese Frage auf. Aufschub ist hier, angesichts der drängenden Umstände, keine Lösung. Stattdessen kostet der Aufschub das, was eigentlich gewonnen werden sollte: Eigenständigkeit.
Quellenverzeichnis
- https://www.baks.bund.de/de/aktuelles/deutsches-forum-sicherheitspolitik-2026-das-programm (abgerufen 14.5.2026).
- https://www.baks.bund.de/de/dfs2026-zwischen-kriegstreibern-und-drueckebergern-wie-gelingt-eine-sachliche-debatte-ueber-den (abgerufen 14.5.2026).
- https://ata-dag.de/veranstaltung/zwischen-unterstuetzung-und-zurueckhaltung-die-transatlantische-partnerschaft-im-ukraine-krieg/ (Abgerufen 14.5.2026).
- https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-05/spannungen-nato-deutschland-usa-bilaterale-beziehungen/komplettansicht (abgerufen 14.5.2026).
- https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-04/ben-judah-grossbritannien-aussenministerium-donald-trump-regierung/komplettansicht (Abgerufen 14.5.2026).
- https://www.ndc.nato.int/wp-content/uploads/2025/07/2025_Insight-05.pdf (abgerufen 14.5.2026).
Hinweis zur Quellenperspektive. Westlich-transatlantische Verortung dominiert. Die Wehrdienst-Diskussion war breit besetzt (Politik, Bundeswehr, Forschung, Schülerschaft), bietet aber keine Pro-Wehrpflicht-Stimme aus der jungen Generation. Atlantic Talk und Jeffrey sind Advocacy-Quellen mit klarem Standpunkt. Parkes liefert die empirisch breitere Forschungsbasis. Linke oder pazifistische Gegenpositionen fehlen vollständig.


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