Foreign Perspective Exkurs // April 2026 // by Simon
Die Chronologie einer Zuspitzung
Am 20. Januar 2025 kehrt Donald Trump ins Weiße Haus zurück. Eine seiner ersten außenpolitischen Entscheidungen betrifft Kuba: Das Land wird erneut auf die US-Liste der Staaten gesetzt, die Terrorismus unterstützen. Es folgen verschärfte Sanktionen.
Am 3. Januar 2026 greift das US-Militär in der Operation „Absolute Resolves“ mit Luftschlägen Venezuela an. Präsident Nicolás Maduro wird festgenommen und aus Caracas ausgeflogen. Venezuela stellt daraufhin die Öllieferungen nach Kuba ein, bis dahin der zweitwichtigste Lieferant.
Am 30. Januar 2026 tritt eine Executive Order in Kraft. Trump erklärt Kubas Regierung zu einer „ungewöhnlichen und außerordentlichen Bedrohung“ für die nationale Sicherheit der USA. Drittstaaten drohen Strafzölle, sollten sie Öl an Kuba liefern. Mexiko, zuletzt für 44 Prozent der kubanischen Ölimporte verantwortlich, stellt die Lieferungen ein.
Im Februar 2026 veröffentlichen Spanien, Mexiko und Brasilien am Rande eines Gipfeltreffens in Barcelona eine gemeinsame Erklärung. Sie fordern Dialog und verweisen auf das Völkerrecht. Die USA werden nicht namentlich genannt.
Seitdem befindet sich Kuba in einem humanitären Ausnahmezustand.
Der Alltag im Mangel
Kuba ist zu 100 Prozent auf Treibstoffimporte angewiesen. Eigene Rohölvorkommen können nicht zu Diesel oder Benzin raffiniert werden. Ohne Importe steht fast alles still.
Die Trinkwasserversorgung läuft über Pumpen und Lastwagen. Beides braucht Strom und Diesel. Beides fehlt. In weiten Landesteilen fällt die Versorgung aus. Nahrungsmittel werden knapp – nicht für die Elite, aber für alle, die keinen Zugang zu Devisen haben.
Im Osten der Insel steigt die Säuglingssterblichkeit. Laut dem Lateinamerika-Experten Bernd Hoffmann (GIGA Hamburg), der im Februar 2026 vor Ort war, liegt sie bei neun Prozent. Sie war lange ein Aushängeschild des kubanischen Gesundheitssystems. Der Anstieg geht auf Untergewicht bei Neugeborenen zurück. Die Ursache ist Mangelernährung.
Der Begriff humanitäre Katastrophe sei, so Hoffmann auf einer Veranstaltung des Lateinamerika-Forums, nicht übertrieben. Der US-amerikanische Würgegriff wirkt. Menschen sterben deswegen.
Energie: Eine alte Abhängigkeit
Das Ölembargo trifft ein Land, dessen Energieversorgung seit Jahrzehnten auf Importen basiert. Zwar betreibt Kuba Solarkraftwerke, finanziert und technisch unterstützt von China, diese decken allerdings nur zehn Prozent des Strombedarfs ab.
Der Ausbau dezentraler Versorgung ist bislang begrenzt geblieben. Der Staat setzt traditionell auf zentrale Strukturen. Das billige venezolanische Öl der vergangenen zwei Jahrzehnte machte größere Investitionen in Autarkie unattraktiv. Hoffmann spricht von einer „süßen Versuchung“, die den Anreiz zur Selbstversorgung in den Aspekten Energie und Nahrungsmittel reduziert hat.
In der aktuellen Krise hat die Regierung Einfuhrregeln für Solarpaneele gelockert und das Außenhandelsmonopol beim Öl gelöst. Das sind Ad-hoc-Maßnahmen, keine Strukturreformen, so Hoffman.
Öffnung unter Druck
Die Regierung reagiert auf die Krise mit Öffnungsschritten, die sie in Zeiten der Stabilität vermieden hätte. Auslandskubaner dürfen auf Kuba investieren, sofern sie die Regeln des Landes respektieren. Die Regeln für privaten Agrarhandel wurden auch gelockert. Die USA wurden angefragt, ob sie in kubanische Stromerzeugung investieren wollen – ob das eine rhetorische Geste oder ein politisches Angebot war, ist unklar.
Dadurch entsteht eine Doppelstruktur. Kubaner mit Zugang zu Devisen – über Auslandsverwandte, Tourismusgeschäfte, Immobilienvermietung – kommen über die Runden. Kubaner ohne solchen Zugang nicht.
Hoffmann beschreibt die Folgen: Die Ungleichheit verläuft teilweise entlang der „Hautfarbe“. Die Enkel der Zuckerrohrschneider haben die 10.000 Dollar für eine Migration nicht. Politische Kader dagegen haben Verwandte im Ausland. Die Kluft reproduziert alte Muster in neuer Form.
Ein Staat, dessen Legitimität auf sozialer Gleichheit basiert, verliert diese Legitimität an der Oberfläche der Alltagswahrnehmung seiner Bevölkerung.
Die Rolle der Diaspora
Die kubanische Diaspora in den USA ist kein Randphänomen. Sie ist Teil der politischen Gleichung – auf beiden Seiten.
Die Trump-Administration erlaubt private Warenlieferungen aus den USA nach Kuba. Online-Supermärkte, unter anderem betrieben von US-Kubanern für ihre Verwandten auf der Insel, werden weiter mit US-Treibstoff versorgt. So bleibt die Diaspora im Lager der Erdrosselungspolitik.
Gleichzeitig fließt Geld in die entgegengesetzte Richtung. Viele Airbnbs und Privatrestaurants auf Kuba existieren nur, weil Angehörige aus Miami Startkapital schicken oder in der Vergangenheit schickten. Der Pragmatismus der Familien durchkreuzt die Härte der Politik.
Außenminister Marco Rubio, dessen Eltern aus Kuba flohen, verkörpert diese Spannung. Dieser wäre theoretisch in der Position, überzogene politische Forderungen aus der Reihe der US-Kubaner einen Riegel vorzuschieben. Praktisch scheitert dies an seiner Abhängigkeit von Donald Trump.
Pragmatismus gegen revolutionäre Verpflichtung
Die kubanische Regierung pocht auf nationale Souveränität. Präsident Miguel Díaz-Canel verkündet unerschütterlichen Widerstand. Gleichzeitig öffnet sie Räume, die sie lange verschlossen hielt.
Hoffmann erwartet, dass Kuba aufgrund des aktuellen Drucks viele frühere rote Linien überschreiten wird. Er erwartet zugleich mehr Eskalation, nicht weniger. Laut US-Berichten fertigt das Pentagon einen Einsatzplan für Kuba an. Mal wieder verhandelt Trump mit der sprichwörtlichen Pistole an der Schläfe der Kubaner, gleichzeitig führt eine US-Delegation in Havanna Gespräche. Gangstermethoden.
Hoffmann sieht keine großangelegte Militäroperation voraus. Laut ihm wird es keine „boots on the ground“ geben. Eher ein „am ausgestreckten Arm verhungern lassen“ – zynisch, aber funktional aus Washingtoner Perspektive.
Die Symbolpolitik blockiert den Pragmatismus auf beiden Seiten. Für die US-Rechte ist die kubanische Revolution seit 1959 das Symbol, das fallen muss. Für die kubanische Führung ist es die Legitimationsgrundlage, die nicht aufgegeben werden kann, ohne das eigene Fundament zu verlieren.
Was bleibt für die Menschen auf Kuba?
Die Zivilbevölkerung ist Zuschauer in einem Armdrücken, dessen Ausgang sie nicht bestimmt. Die Unzufriedenheit richtet sich gegen beide Seiten, gegen die Sanktionen und gegen die eigene Regierung. Viele Kubanerinnen und Kubaner beschreiben die Lage mit demselben Satz: So kann es nicht weitergehen.
Ein Minimalkonsens wäre messbar. Humanitäre Korridore für Öl und Medikamente, wie sie von EU-Institutionen bereits angekündigt wurden. Der Stopp der Extraterritorialität der US-Sanktionen, die Drittstaaten am Handel hindert. Direkte Gespräche über Gesundheit und Infrastruktur, jenseits der Regimefrage.
Ob das unter der aktuellen US-Administration politisch möglich ist, bleibt offen. Die humanitäre Dringlichkeit ist es nicht.
Disclaimer: Grundlage dieses Textes ist ein Vortrag von Bernd Hoffmann (GIGA Hamburg, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Lateinamerika) beim Lateinamerika-Forum vom April 2026 in Berlin. Einzelne Aussagen und Einschätzungen sind entsprechend markiert. Kontextdaten ergänzt durch aktuelle Berichterstattung.
Quellenverzeichnis
- https://www.brookings.edu/articles/making-sense-of-the-us-military-operation-in-venezuela/ (abgerufen am 20.04.2026)
- https://www.wola.org/2026/01/military-action-venezuela-united-states-maduro-trump/ (abgerufen am 20.04.2026)
- https://www.americanprogress.org/article/trumps-military-intervention-in-venezuela-serves-big-oil-not-the-american-people/ (abgerufen am 20.04.2026)
- https://amerika21.de/2026/01/282375/strafzoelle-oel-kuba-sicherheit (abgerufen am 20.04.2026)
- https://www.zdfheute.de/politik/ausland/kuba-trump-versorgungslage-us-embargo-krise-100.html (abgerufen am 20.04.2026)
- https://www.nzz.ch/international/donald-trump-laesst-ueberraschend-russisches-oel-nach-kuba-und-stabilisiert-damit-das-kommunistische-regime-ld.1931600 (abgerufen am 20.04.2026)
- https://www.ialana.de/2026-02-04-volkerrechtswidrige-totalblockade-kubas-durchbrechen-menschenrechte-verteidigen/ (abgerufen am 20.04.2026)
- https://www.netzwerk-cuba.org/2026/04/die-voelkerrechtswidrige-totalblockade-kubas-durchbrechen/ (abgerufen am 20.04.2026)
- https://www.berliner-zeitung.de/news/kuba-krise-spanien-mexiko-und-brasilien-schlagen-alarm-li.10031261 (abgerufen am 20.04.2026)
- https://amerika21.de/analyse/283696/interview-vinzenz-glaser-blockade-kuba (abgerufen am 20.04.2026)
- https://jacobin.de/artikel/kuba-sanktionen-blockade-stromausfall-trump-imperialismus-castro-sozialismus (abgerufen am 20.04.2026)
- https://www.die-linke.de/start/presse/detail/news/imperialistische-aggression-gegen-kuba-klar-zurueckweisen/ (abgerufen am 20.04.2026)
- Primärquelle (Vortrag): Bernd Hoffmann (GIGA Hamburg), Vortrag beim Lateinamerika-Forum, April 2026. Einschätzungen und Zitate im Text entsprechend hervorgehoben.
Hinweis zur Quellenauswahl: Die Sekundärquellen stammen aus einem politischen Spektrum von linken Solidaritätsorganisationen (Netzwerk Cuba, IALANA, amerika21, Jacobin, Die Linke) über etablierte Medien (ZDF, NZZ, Berliner Zeitung) bis zu US-Institutionen (Brookings, WOLA, Center for American Progress). Die Einordnung der US-Sanktionen als völkerrechtswidrig wird vor allem von den erstgenannten Quellen vertreten. Für die empirischen Daten (Ölimportanteile, Executive-Order-Daten, Datum des Militäreinsatzes) wurden mehrere Quellen quergelesen.


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