Foreign Perspective

Rethinking Order. Reframing Power

Hunger als Strategie: Der Krieg im Sudan und das Versagen der internationalen Ordnung


Eine Analyse über Machtpolitik, Ressourceninteressen und die Folgen moderner Kriegsführung für die Zivilbevölkerung

Foreign Perspective // March 2026 // by Simon


Straßen sind blockiert, Märkte zerstört und Felder verbrannt. Menschen warten auf Hilfslieferungen die niemals ankommen werden. Was im Sudan geschieht, ist keine Naturkatastrophe – sondern das Ergebnis der Kriegsführung beider Konfliktparteien. Die aktuell größte Hungersnot unserer Zeit ist kein Nebeneffekt des Krieges, sondern Teil seiner Logik. Hunger als ein zentrales Mittel der Kriegsführung.

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Der Sudan Konflikt – Symbolbild Bild: KI-generiert / AI-gernerated Image

In den deutschen Medien schafft es der Sudan, angesichts multipler Krisen, immer nur bei einzelnen Ereignissen in die Nachrichten. Etwas Anfang März 2025, wenn die Hauptstadt Khartum den Besitzer wechselt. Aktuell sehen sich die beiden Konfliktparteien, die Rapid Support Forces (RSF) und die Sudanese Armed Forces (SAF), mit einem militärischen Patt konfrontiert. Doch wer trägt die Verantwortung für die katastrophale humanitäre Lage im Sudan und wie konnte es dazu kommen? Welche Rolle spielen dabei die Golfstaaten am Horn von Afrika und wieso gelingt es der internationalen Gemeinschaft nicht, zumindest für die humanitären Probleme eine Lösung zu finden?

Im Rahmen dieses Blogartikels möchte ich die genannten Fragen eingehender betrachten und eine Vorstellung davon vermitteln, welche Akteure, Interessen und Entwicklungen sich im Sudan Konflikt wiederfinden.

Ein Staat im freien Fall: Was ist im Sudan passiert?

Um die aktuelle Situation im Sudan zu verstehen, ist ein Blick in die Historie des Konflikts unverzichtbar. Eine Historie die eng mit dem Aufstieg der RSF verbunden ist.

Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1956 hat der Sudan einen Zustand ständiger Bürgerkriege erlebt. Das Jahr 2003 stellt hier einen wichtigen historischen Punkt dar. Damals begannen bewaffnete Gruppen aus der Region Darfur (im Westen des Sudans) mit ihrem Kampf gegen das autoritäre Regime in der Hauptstadt des Sudans, Khartum. Eine autoritäre islamistische-militaristische Regierung hatte 1989 die Macht ergriffen. Omar al-Bashir war zu jener Zeit Präsident. Das Ziel der aufständischen Gruppe war eine Beendigung ihrer Marginalisierung, eine gerechte Verteilung der Ressourcen des Landes und ein fairer Zugang zu den staatlichen Institutionen.

Omar al-Bashir 2009 Foto: Jesse B. Walt, US Navy, Public Domain

Historisch eint alle bisherigen Regime des Sudans die Ausbeutung der Landesperipherie durch die Zentralregierung. Von dieser Praxis sind besonders die gesellschaftlichen Minderheiten betroffen. Im Jahr 2003 stützte sich das sudanesische Militär auf eine erprobte Methode, um den Aufstand zu bekämpfen. Das Militär bewaffnete und finanzierte arabische, nomadische Gemeinschaften und stattet sie aus, vorausgesetzt, sie bekämpften den Aufstand erfolgreich. Im folgenden brutalen Krieg etablierten sich die neu aufgestellten RSF-Truppen als eiserne Faust des Diktators Al-Baschir. Der Name ihrer Miliz lautete damals Dschandschawid. Der Krieg kostete 400.000 Menschen das Leben. Hier beginnt die Geschichte der RSF.

Reiter in Darfur Foto: unbekannt, Public Domain

Die erste Beförderung der gesamten Miliz erfolgte im Jahr 2013. Der damalige Präsident al-Baschir machte die RSF offiziell zur Grenzschutztruppe des Sudans. Sie sollten Al-Baschir helfen den Migrantenströmen, welche aus der Gegend des Horns von Afrika Richtung Libyen und Ägypten über das Mittelmeer nach Europa wollten, Einhalt gebieten und die Kontrolle über die Grenzen zurückerlangen. Der Anführer der RSF, Mohamed Hamadan Dagalo (gennant „Hemedti“), wurde in den Rang eines Brigadegernals erhoben, ohne jemals in den sudanesischen Streitkräften gedient zu haben.

Hemdti RSF Leader Foto: governement.ru / Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Wenige Jahre später die nächste Beförderung (2017). Die RSF sollte nun Präsident Al-Bashir direkt Bericht erstatten. Damit hatte Sudan nun auch ganz offiziell zwei Armeen. Die RSF war in den kommenden zwei Jahren von ihrer Stellung – metaphorisch vergleichbar mit einer römischen Prätorianergarde. Eine verhängnisvolle Entscheidung.

Protest in Sudan 2019 Source: Voice of America

Denn im Jahr 2019 wurde der Präsident al-bashir, im Zuge landesweiter ziviler und gewaltfreier Proteste, von Kräften der Armee und der RSF gestürzt. Es folgte eine Übergangsregierung unter zivil-militärischer Führung. In dieser Zeit gab es die Hoffnung der Zivilbevölkerung auf einen korruptionsfreien, wirtschaftlichen prosperierenden und kriegsfreien Sudan. Die zivile Regierung bestand aus einer breiten Koalition aus zivilen Gruppen und Parteien. Getragen wurde diese Koalition von der Hoffnung auf eine bessere Demokratie und verantwortungsbewussten Institutionen und einer starken Wirtschaft. Zwei Jahre später zerschlugen sich diese Hoffnungen. Das Land stand nun endgültig unter Kontrolle des MIlitärs. Ein Jahr später 2022 kam es dann zu einem Abbkommen, das den zivilen, politischen Kräften des Sudans eine Perspektive für eine Rückkehr zu einer zivilen Regierung bot.

Präsident des zivilen Übergangsrates Abdalla Hamdok Foto: Ola A. Alsheikh / Wikimedia commons 4.0
Logo Transitional Sovereignty Council

Die Spannungen zwischen RSF und SAF erhöhten sich im Frühjahr 2023. Streitpunkt war die Frage, wie die RSF-Kräfte in den regulären Sicherheitsapparat des sudanesischen Staates integriert werden sollten. Während Hemedit eine Zeit von 10 Jahren vorschwebt, plädierte sein Gegenüber, General Burhan, für einen dreijährigen Integrationsplan. Zusätzlich hatten beide Parteien divergierende Interessen hinsichtlich der politischen und ökonomischen Ausgestaltung der sudanesischen Gesellschaft: Während die Pläne der RSF vorsahen, sich stark in Wirtschaft und Politik zu integrieren, wollten General Burhan und die SAF eine schnelle Auflösung der RSF-Miliz und die alleinige Kontrolle über den militärisch-industriellen Komplex des Sudans. Anhand der Machtverteilungsfragen im zukünftigen, demokratischen Sudan entzündete sich ein Konflikt, der durch eine Vielzahl von Konfliktlinien geprägt ist.

Die Hauptkonfliktlinien im Sudan

Anhand der Konfliktparteien lassen sich die verschiedenen Konfliktlinien im Konflikt näher erläutern.

Im sudanesischen Staat ist es von besonderer Bedeutung, den Sicherheitssektor des Landes zu kontrollieren. Dieser sichert Macht und Einfluss und garantiert die Stabilität der Regierung. Die Besonderheit des sudanesischen Sicherheitsapparats liegt in seiner hohen Fragmentierung und seinen redundanten Strukturen. Es existieren eine Vielzahl von Milizen und Paramilitärs, die parallel zur sudanesischen Armee organisiert sind. Die Rivalität zwischen RSF und SAF ist institutionell in der Struktur des sudanesischen Staates durch den damaligen Präsidenten al-Baschir angelegt worden. Zugleich ist die RSF eine Miliz, die ursprünglich aus der Peripherie des Sudans (Darfur) stammt.

Im Sinne der ersten Konfliktlinie Peripherie vs. Zentrum steht die SAF symbolisch für das Zentrum des Sudans . Die wiederkehrende Frage, wie die Ressourcen des Sudans, Gold, Ackeranbauflächen und der Zugang zu Nilwasser, gerecht verteilt werden sollen, ist hierbei prägend. Im Zuge des demokratischen Übergangsprozesses kam auch die politische Zukunft des Staates Sudan zur Sprache – sollte er weiterhin  ein autoritär geführter Zentralstaat sein oder doch eine föderale Struktur erhalten, bei denen den einzelnen Bundesstaaten mehr Autonomie zugestanden wird?

Die zweite Konfliktlinie verläuft entlang kulturell-ethnischer Spannungen innerhalb der sudanesischen Gesellschaft. Beispielsweise bezeichnen sich viele der RSF-Kämpfer als arabischstämmig. In den SAF hingegen befinden sich viele Kämpfer, die sich zu afrikanischstämmigen Ethnien zugehörig zählen.

Als drittes ist die religiöse Konfliktlinie zu nennen. Die SAF ist, insbesondere in ihren oberen Rängen, von islamistisch eingestellten Offizieren geprägt, welche zum Teil auch noch aus der Ära Al-Baschir stammen und gute Kontakte zur Partei des alten Machthabers pflegen. Im Gegensatz dazu sind viele Teile der RSF stark säkular eingestellt oder gehören anderen islamischen Splittergruppierungen, wie dem Sufismus an.

Fragmentierung der Konfliktparteien

Dieses komplexe Zusammenspiel an Konfliktursachen drückt sich auch in der Fragmentierung und Diversität der beiden Konfliktparteien aus. Beide Seiten sind keine homogenen Blöcke. Die RSF bestehen aus unterschiedlichen Milizen und ist in unzusammenhängenden Gebieten des Landes aktiv. Die SAF besteht aus einer Vielzahl von islamistischen Fraktionen, der regulären Armee und ehemaligen Mitgliedern der Netzwerke des abgesetzten Präsidenten al-Bashir. Eine nähere Betrachtung der zwei zentralen Konfliktparteien verdeutlicht die Komplexität des zugrundeliegenden Konfliktes. Somit ist die Struktur der beiden Kriegsparteien selbst entscheidend.

Beide Parteien, SAF und RSF, repräsentieren nicht nur rivalisierende Militärorganisationen – sie verkörpern zwei konkurrierende Modelle politischer Macht im Sudan.

Die SAF

Anführer der SAF und De-Facto Präsident des Sudans Abdel Fattah al-Burhan Foto: President.az / Wikimedia Commons CC BY 4.0

Zusammensetzung der SAF und Verbindungen zum alten autokratischen Machtapparat

Insgesamt wird die Mannstärke der SAF auf 200.000 Mann geschätzt. Geführt werden sie von General Abdel Fattah Al-Burhan. Sie besteht zu 3/4 aus Freiwilligenverbänden. Diese agieren halbautonom und bestehen zu großen Teilen aus ehemaligen Unterstützern des früheren Bashir-Regimes. Das bedeutet, dass viele Verbände nur teilweise kontrolliert werden und eigene opportunistische Ziele verfolgen. Prominente Milizen sind die Sudanese Liberation Army (SLA) und die Justice and Equality Movement (JEM). Ein Beispiel für die Fragilität der SAF-Fraktion sind die Sudanese Shield Force (SSF). Diese Gruppierung wechselte wiederholt die Seiten, von der SAF zur RSF und wieder zurück zur SAF. Auch bei der JEM und SLA gibt es ein hohes Potenzial, dass diese bei passender Gelegenheit die Seiten wechseln. Beide Milizen sind innerlich gespalten und haben eine lange Historie des Widerstandes gegen die Zentralregierung. Die Gründe hierfür sind historisch anhaltende ethnische und politische Spannungen zwischen afrikanisch-stämmigen und arabisch-stämmigen Milizen, sowie der Zentralmacht in Khartum. Hinzu kommt, dass beide Gruppen (SLA & JEM) keine Kontrolle über ihr eigenes Territorium mehr besitzen, da dieses von der RSF besetzt ist. Sie sind jedoch in Teilen Darfurs weiterhin präsent und aktiv.

Das andere Viertel der SAF besteht aus ausländischen Söldnern und kleineren Gangs und Milizen. Die SAF bindet islamistischen Milizen und ehemaligen Bashir-Loyalisten in ihre Struktur mit ein. Die Macht des Anführers al-Burhan ist nicht absolut. Er muss sich innerhalb der SAF seiner Macht rückversichern und unpopuläre Maßnahmen können ihn seine Stellung kosten. In den höheren Rängen der SAF herrscht eine starke Verbundenheit zur sudanesischen islamischen Bewegung (SIB). Vor dem Sturz war die SIB als nationale Kongresspartei (NCP) bekannt. Sie ist die Partei des ehemaligen Autokraten al-Bashir. Diese ist seit der Übergangsregierung 2021 wieder stark in den staatlichen Strukturen vertreten, nachdem sie 2019 verbannt worden war.

Bild: KI-generiert

Einflussbereich der SAF

Die SAF-Kräfte kontrollieren den nördlichen Teil, einschließlich des Nildeltas und Khartums. Den Küstenabschnitt am Roten Meer mit Port Sudan. Ebenso die Grenzgebiete zu Eritrea im Osten und zu Äthiopien im Südosten. Nach dem Verlust von El-Fasher verläuft die Front im Süden entlang der Nord-Süd Achse von El Sheikh im Norden, bis Talodi im Süden, in der Nähe der Grenze zum Süd-Sudan.

Ziele der SAF

Die Ziele der SAF lassen sich in die Dimensionen politisch, militärisch und ökonomisch unterteilen.

Politisch ist das Ziel der SAF sich international als einziger legitimer Vertreter des Sudans zu etablieren und zugleich die Kontrolle über den ganzen Sudan zu behalten. Diesem Ziel ist die SAF stand 26. Oktober 2025 einen deutlichen Schritt nähergekommen, da die UN und mehrere internationale Institutionen diese als legitime Vertretung anerkennen. Ebenso hat die SAF das Ziel den wichtigsten Verbündeten der RSF, die VAE, aus dem Sudan möglichst herauszuhalten. National hat die SAF eine neue Verfassung verabschiedet und die SAF geführte Regierung ist teilweise wieder in die Hauptstadt Khartum zurückgehkehrt.

Ökonomisch hat besonders der islamistische Führungszirkel innerhalb der SAF das Ziel, sicherzustellen, dass ihre eigenen Leute wichtige Positionen innerhalb der neuen Regierung, dem Sicherheitssektor und der Wirtschaft besetzen und sich die RSF schnell in die sudanesische Armee integriert. Die Kontrolle über die staatlichen Institutionen soll dann auch für eine Kontrolle über die Ressourcen des Landes sorgen (Gold, Anbauflächen, Wasserversorgung).

Militärisch hat die SAF das Ziel sich in der Region Nord-Darfur zu konsolidieren. Die eigenen Nachschubwege abzusichern und die Stadt El-Fasher zu halten. Dieses Ziel scheiterte Ende Oktober 2025. Der Rückzug der SAF gab die Stadtbewohner der Gräueltaten und Gewaltexzessen der RSF-Milizen preis. Damit verlor die SAF die letzte große Stadt in der Region Darfur an die RSF. Zugleich hat die SAF das Ziel in der Region Kordofan in die Offensive zu gehen und die Stellungen der RSF dort zu durchbrechen. Stand Ende 2025 befindet sich das Momentum allerdings bei der RSF die mehrere Städte der SAF in Kordofan eingekesselt haben.

Fiktionales SAF-Propagandaplakat Bild: KI-generiert

Fähigkeiten, Mittel der Kriegsführung und Verbrechen

Eine zentrale Rolle für die Durchsetzung der militärischen Ziele der SAF spielt die Luftwaffe und der Einsatz von Drohnen. Die SAF verfügte seit Anbeginn des Konflikts über die Fähigkeit der Luftkriegsführung. Sie hat die Kontrolle über die Luftwaffe. Daneben setzen die SAF türkische Bayraktar TB-2 Drohnen (MALE) ein. Im weiteren Verlauf kamen auch iranische Drohnen zum Einsatz. Aktuell sind die SAF für die Mehrzahl der Drohneneinsätze verantwortlich, ihr Einsatz verursachte eine Vielzahl von Toten. Zudem kontrollierte die SAF den Großteil der einheimischen Waffen- und Munitionsproduktion. Diese wurde aber im Verlauf des Krieges so weit zerstört, dass beide Seiten von ausländischen Lieferungen abhängig sind.

Die SAF führt ihren Kampf gegen die RSF ohne Skrupel. Die SAF ist an einer Vielzahl von Kriegsverbrechen beteiligt und setzt Hunger und sexuelle Gewalt gezielt als Mittel der Kriegsführung ein. Dazu kommt der Einsatz von chemischen Waffen: Bereits häufiger wurden zivile Einrichtungen und Infrastruktur bombardiert und Chlorgas gegen die RSF eingesetzt.

Externe Unterstützer der SAF

Die Streitkräfte Al-Burhans werden durch Ägypten, den Iran, die Türkei und Russland unterstützt. Auch die Ukraine unterstützt die SAF durch den Einsatz eigener Spezialkräfte zur Bekämpfung von Wagner Söldnern.

Unterstüter SAF Symbolbild Bild: KI-generiert

Ägypten hat als das nördliche Nachbarland vitale Interessen im Sudan, besonders die hohe sudanesische Migration, welche Kairo reduzieren möchte, spielt eine Rolle. Zudem lässt sich die hohe militärische und politische Unterstützung Kairos durch ein hohes Interesse daran erklären, dass die richtige politische Kraft im Sudan die Quellen des Nils kontrolliert. Die historische Lebensader der ägyptischen Gesellschafft. Diese politische Kraft soll vor allem die Einheit und Stabilität des Sudans sicherstellen. Zugleich besitzt der Sudan viele natürliche Ressourcen. Mit der Unterstützung der SAF erhofft sich Ägypten eine günstige Ausgangsposition für zukünftige Verhandlungen zu verschaffen und setzt zugleich auf die etablierten Kräfte. Im Unterkapitel zu den externen Akteuren wird näher auf die strategischen Interessen Ägyptens im Sudan eingegangen.

Russland hat langjährige Kontakte zu den Führungszirkeln der SAF, insbesondere zur alten Machtelite aus dem Umfeld von Al-Baschir. Die Unterstützung mit Waffen liegt im russischen Interesse der Machterweiterung in Afrika und der Errichtung einer Militärbasis am roten Meer. Die Türkei und der Iran sind für die Lieferung von Drohnen, bzw. von Drohnentechnik verantwortlich. Beide Staaten erhoffen sich neben Vorteile im regionalen Machtstreben auch Einfluss über die Schifffahrtsrouten, die am Sudan vorbeiführen. Insbesondere der Iran dürfte ein Interesse daran haben, gegenüber seines Erzrivalen Saudi-Arabiens militärisch Fuß fassen zu können und seinen sicherheitspolitischen Einflussbereich zu erweitern.

Zusammenfassung SAF

Hervorzuheben ist, dass die SAF keine feste ideologische, konfessionelle oder ethnische Identität besitzt und auch öffentlich keine ideologische Mission erklärt hat. Die SAF-Fraktion stellt somit einen fragilen Machtblock dar, geprägt von den alten Überresten des autoritären Bashir Systems, mit einer Führung, die nur zu einer rudimentären Kontrolle über ihre eigene Fraktion in der Lage ist und geprägt ist von einer großen Zweckhaftigkeit. So konnte ihr Anführer al-Burhan im September 2025 dem Statement der QUAD Gruppe nicht zustimmen, da er befürchte Teile seiner Koalition würden ihre Zustimmung nicht erteilen.

Im Bereich der militärischen Fähigkeiten konnte sie die anfängliche Luftüberlegenheit nicht in zählbare militärische Erfolge ummünzen, diesen Vorteil hat sie mittlerweile eingebüßt. Die Rückeroberung Khartuums verschaffte der SAF, besonders in der internationalen Wahrnehmung ein Momentum, von dem sie immer noch zehrt, sie muss sich jedoch den Vorwurf gefallen lassen die Menschen im El-Fasher der RSF preisgegeben zu haben. Im Wissen was folgen würde. Zudem stellt die SAF aktuell zwar den De-Facto Präsidenten, aber das Land ist praktisch, entlang der Frontlinien von Nord nach Süd zweigeteilt.

Die RSF

Historie der Rapid Support Forces

Die RSF hat ihre Wurzeln im Jahr 2003. Sie wurde ursprünglich im Kampf gegen die nicht -arabischen Aufständischen in der Region Darfur eingesetzt. Damals waren sie unter dem Namen Janjaweed oder Dschandschawid bekannt. In den Jahren 2007 und 2008 wurden die Miliz dann zum zentralen Akteur der Aufstandsbekämpfung in der Darfur Region. Seit 2013 ist sie unter dem Namen Rapid Support Forces bekannt. In diesem Zuge wurde ihre Anführer, genannt „Hemedit“ zum Brigadegeneral befördert. Später wurden die RSF von Präsident Al-Bashir weitergefördert, bis sie 2017 schließlich auch formal der Armee gleichgestellt wurden. Aktuell befindet man sich in einer militärischen und politischen Konsolidierungsphase.

Aufbau und Struktur der Rapid Support Forces

grobe Darstellung Struktur RSF Bild: KI-generiert

Die Stärke wird auf 100.000 Mann geschätzt. In ihrer Struktur besteht die RSF aus Milizen arabisch-tribaler Form und Söldnern. Zu Beginn des Konflikts rekrutierte die RSF erfolgreich aus arabischen Stämmen in der Grenzregion zum Tschad und Niger. Ebenso ist die säkulare Sudan People’s Liberation Movement-North (SPLM-N), eine lange bestehenden Rebellengruppe, Teil der RSF-Kräfte. Andererseits gehören streng religiöse Gruppierungen, die jeglichen Säkularismus ablehnen dazu. Die Macht liegt bei den Führern der RSF, General Mohamed Hamadan Dagalo, genannt Hemedti, seinem Bruder Abdel-Raheem, den politischen Beratern und ihren Familien. Von der Machtstruktur her lässt sich die paramilitärische Organisation der RSF mit einem Kastensystem vergleichen. Je näher an der Spitze, desto größer ist der Zugang zu Ressourcen. Im Laufe der letzten Zeit kam es zu einer größeren Kluft zwischen den Stammeskämpfern und der Führung.

Einflussbereich und territoriale Kontrolle der Rapid Support Forces

Die RSF-Kräfte kontrollieren viele Bereich des Sudan, westlich des Nils. Nord, Zentral und Süd-Darfur sind nun nach der Einnahme El-Fasher quasi unter vollständiger Kontrolle der RSF und mit ihnen verbündeter Milizen. Die Grenze zum Tschad wird seit Ende 2025 nun ebenso vollständig kontrolliert, dazu die Grenze zur zentralafrikanischen Republik und einen Großteil der Grenze zum Südsudan. El-Obeid wird aktuell von der RSF belagert.

Ziele der Rapid Support Forces

Die Ziele der RSF lassen sich hinsichtlich der ökonomischen, der politischen und der militärischen Dimension unterscheiden.

Politisch bemüht sich die RSF um den Aufbau staatlicher Strukturen in denen von ihr verwalteten Gebieten, um ihre politische Autorität zu festigen. So hat die RSF mit ihren Partnern bereits den Weg für die Etablierung einer Übergangsregierung frei gemacht. Die politischen Vorhaben sind aktuell von einer Phase der politischen Konsolidierung geprägt. Die RSF hat nun im Mai 2025 eine Regierung gegründet. Der Sitz dieser RSF-geführten Regierung befindet sich in Nihala. Sie ist eine Parallelregierung in Süd-Darfur. Sie vereint eine Vielzahl an bewaffneten Gruppen aus den Regionen Darfur und Kordofan. Hemedti ist der Präsident. Der wichtigste Vertreter der SPLM-N wurde zum Vize-Präsidenten gekürt.

Seitens dieser Regierung wurde das Versprechen einer säkularen Regierung ausgesprochen. Die Anführer der RSF verbreiten das Narrative der alte Sudan wurde nach der Unabhängigkeit 1956 von Soldaten, Geschäftsleuten und später von Islamisten für die eigene Bereicherung geplündert. Auf Kosten der Provinzen in der Peripherie des Sudans. Die SAF und ihre Anführer seien nur die Überreste der Schlimmsten Phase unter Al-Bashir (1989-2019). Eine Erzählung die besonders bei den exkludierten und armen Bevölkerungsgruppen des Sudans verfing. Die RSF inszeniert sich als Gegner dieses alten Establishments und verbreitet sich für den Abbau dieser Strukturen einsetzen zu wollen.

Wichtigstes politisches Ziel der RSF ist die Sicherstellung seiner politischen Zukunft im Sudan der Zukunft. Hierzu passt auch die Zustimmung des von den QUAD-Ländern eingebrachte Statement, sowie der Vorschlag einer humanitären Feuerpause. Diese wurde allerdings nie eingehalten.

Ökonomische Unabhängigkeit will die RSF über die Kontrolle der großen Goldvorkommen des Sudans und die Ackerflächen des Landes herstellen.

Militärisch Ziele der RSF sind aktuell die Stabilisierung der Front in Kordofan und Nord-Darfur, besonders in El-Fasher. Hier ist es nach einer jahrelangen Belagerung gelungen die SAF aus der Stadt zu vertreiben. Im Nachhinein kam es zu schrecklichen Gräueltaten und Kriegsverbrechen der RSF und ihrer Milizen. In Kordofan versucht die RSF die Front der SAF zu durchbrechen und El-Obeid zu erobern.

RSF „Sprenger der Ketten“ Fiktionales Propaganda Plakat der RSF Bild: KI-generiert

Militärische Fähigkeiten und Kriegsführung

Die RSF-Kämpfer haben jahrelange Erfahrung in der Aufstandsbekämpfung. Eine wichtige Fähigkeit, der RSF im urbanen Kampf. Zugleich sind die Kämpfer durch eine hohe Anzahl an Fahrzeugen hochmobil und setzen verstärkt auf Kamikaze Drohne und chinesische Drohnen mit langer Flugdauer (24h+), wie die FH-95 (MALE).

Die RSF sind international für ihr grausames Vorgehen bekannt geworden. Dazu zählen der glaubhafte Vorwurf des Genozides, insbesondere in Nord-Darfur, Massaker an der Zivilbevölkerung, systematische sexualisierte Gewalt und den Einsatz von Hunger als Kriegswaffe. Zuletzt bekannt wurde das grausame Kriegsverbrechen in El-Fasher. Ein in seiner Brutalität maßloses Massaker an der schutzlosen Zivilbevölkerung. RSF-Kämpfer veröffentlichten Videos ihrer Gräultaten um damit zu prahlen und um Furcht zu verbreiten.

Externe Unterstützer der Rapid Support Forces

Zu den externen Unterstützer der RSF zählen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), der Tschad, insbesondere als logistische Drehscheibe, Äthiopien, Libyen und Süd-Sudan. Vor allem die VAE (Drohnen, gepanzerte Fahrzeuge und schwere Waffen) sind eng mit der RSF verbunden. Die Logistik läuft über Libyen, Somalia und den Tschad.

Seit Oktober 2025 haben die Flüge mit Waffenlieferung, aus den VAE, an die RSF nochmal zugenommen. Chinesische Drohnen und kolumbianische Söldner verstärken die Kapazitäten weiter. Über die Gründe der Unterstützung für die RSF durch die VAE können Analysten und Diplomaten nur spekulieren. Es gibt eine Reihe von Indizien, auf diese wird im Abschnitt der internationalen Akteure im Konflikt noch weiter eingegangen.

Support RSF Foto: KI-generiert

Zusammenfassung RSF

Die RSF sind das Ergebnis einer autoritären Politik von Teilen und herrsche des ehemaligen Machthabers Al-Baschirs. Nur sich selbst gegenüber Rechenschaftspflichtig betreibt die RSF eine menschenverachtende und maximal grausame Kriegsführung, unterstützt von den VAE. Die RSF verüben, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, einen Genozid an der zivilen Bevölkerung des Sudans und inszeniert dies als ein legitimes Mittel der Kriegsführung. Einzige das Einstellen der Unterstützung durch die VAE könnte die RSF ernsthaft schwächen, danach sieht es aktuell aber nicht aus.

Al-Burhan und Hemedit sind zu erbitterten Feinden geworden – Symbolbild Bild: KI-generiert

Hunger als Kriegswaffe

Der Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung ist kein unbeabsichtigter Kollateralschaden des Krieges. Beide Konfliktparteien greifen gezielt in logistische und landwirtschaftliche Strukturen ein.

Durch die Zerstörung von Märkten, die Blockade von Hilfslieferungen und die Belagerung ganzer Städte entsteht ein Umfeld, in dem Hunger zur strategischen Ressource wird: Wer Nahrung kontrolliert, kontrolliert Bevölkerung.

Über 600.000 Menschen im Sudan leiden derzeit an akuter Hungersnot. Dieser Zustand ist kein Resultat von Naturkatastrophen oder schlechter Ernten, sondern das direkte Ergebnis einer Kriegsführung, in der Hunger systematisch als Mittel eingesetzt wird. Beide Konfliktparteien – die Sudanese Armed Forces (SAF) und die Rapid Support Forces (RSF) – tragen Verantwortung für den Zusammenbruch der zivilen Lebensgrundlagen.

Der Krieg hat das gesamte System der Nahrungsmittelproduktion kollabieren lassen. Bereits 2023 ging die landesweite Produktion von Lebensmitteln im Vergleich zum Vorjahr um 46 Prozent zurück. Besonders dramatisch ist die Lage im Dschasira-Gebiet, dem produktivsten Agrarraum des Sudan, in dem rund die Hälfte des nationalen Weizens erzeugt wird. Plünderungen von Märkten und Farmen, das Abbrennen von Feldern sowie die Vertreibung der Landbevölkerung führten dort zu massiven Ernteausfällen. In vielen anderen Landesteilen haben Bauern keinen Zugang mehr zu ihren Feldern und können weder säen noch ernten.

Blockaden, Belagerungen und der Zusammenbruch humanitärer Hilfe

Der Einsatz von Hunger als Kriegsinstrument lässt sich anhand konkreter Handlungen beider Konfliktparteien belegen. Wiederholt wurden Hilfslieferungen blockiert, Flüchtlingslager belagert oder gezielt ausgehungert. Im Jahr 2023 wurde ein Lager des World Food Programme (WFP) in El-Obeid geplündert. Die Stadt El-Fasher in Nord-Darfur wurde 18 Monate von der RSF belagert, mit katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung, welche Opfer eines Genozid wurde.

2024 wurde im Camp ZamZam erstmals offiziell eine Hungersnot festgestellt, bevor das Lager 2025 durch RSF-Truppen zerstört wurde. Ebenfalls 2025 kam es in Khartum zu einem Vorfall, bei dem humanitäre Güter für Kinder aus einem Krankenhaus geplündert wurden. Infolge der eskalierenden Gewalt mussten internationale Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF) und das WFP ihre Einsätze in mehreren Regionen einstellen.

Hinzu kommt die gezielte Unterminierung humanitärer Hilfe durch politische und militärische Akteure. Der Grenzübergang Adré zum Tschad ist für internationale Hilfslieferungen von zentraler Bedeutung und steht unter Kontrolle der RSF. Dennoch ordneten die von der SAF kontrollierten Behörden in Port Sudan 2024 einen Stopp aller Lieferungen über Adré an – obwohl sie den Übergang selbst nicht kontrollierten. UN-Organisationen und NGOs sahen sich gezwungen, dieser Anordnung zu folgen, um ihre Arbeit in SAF-Gebieten nicht vollständig zu verlieren. Erst nach massiven diplomatischen Interventionen und der UN-Resolution 2736 im Juni 2024 wurde der Übergang wieder geöffnet.

Zivile Überlebensstrukturen unter Beschuss

Trotz des staatlichen Zusammenbruchs existieren im Sudan lokale Strukturen, die versuchen, dem Hunger etwas entgegenzusetzen. Eine zentrale Rolle spielen dezentral organisierte Gemeinschaftsküchen, betrieben von zivilen Initiativen. Diese versorgen Binnenflüchtlinge, unterstützen Opfer sexualisierter Gewalt und schaffen minimale Schutzräume für Zivilisten.

Diese Strukturen sind jedoch hochgradig verwundbar. Der Finanzierungsstopp internationaler Hilfsprogramme – unter anderem durch die Einstellung von USAID-Mitteln – führte zum Zusammenbruch vieler dieser Angebote. Gleichzeitig dokumentieren UN-Berichte aus dem Jahr 2024 die gezielte Verfolgung ziviler Helfer sowie die systematische Plünderung von Hilfsgütern durch Kräfte beider Konfliktparteien.

Die humanitären Folgen

Die Folgen dieser Kriegsführung sind verheerend. Über 30 Millionen Menschen sind von Nahrungsmittelknappheit und extremer Inflation betroffen. In fünf Regionen Nord-Darfurs sowie in den Nuba-Bergen herrscht bereits Hungersnot; in weiteren Gebieten gilt sie als wahrscheinlich. Insgesamt leiden 24,6 Millionen Menschen unter akutem Hunger, davon befinden sich rund 600.000 in einer katastrophalen Versorgungslage.

Die Preise für Grundnahrungsmittel sind für große Teile der Bevölkerung unerschwinglich. Kinder, Kranke und Schwangere sind besonders gefährdet und hochgradig anfällig für Krankheiten wie Cholera. Diese Situation ist vollständig menschengemacht.

Binnenflucht, Bildungszerfall und gesellschaftliche Fragmentierung

Der Krieg hat zudem eine der größten Binnenfluchtbewegungen weltweit ausgelöst. Über 13 Millionen Menschen mussten ihre Häuser verlassen und innerhalb des Landes Zuflucht suchen. Besonders dramatisch ist die Lage der jungen Generation: Rund 19 Millionen Kinder können derzeit keine Schule besuchen. Belagerungen ganzer Städte und ethnisch motivierte Vertreibungen haben Bildungs- und Zukunftsperspektiven nahezu ausgelöscht.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist in Nachbarländer wie den Tschad, Uganda, Kenia oder Ägypten geflohen. Die im Land verbliebenen Menschen eint vor allem die Sehnsucht nach einem Ende des Krieges – bei gleichzeitigem tiefen Misstrauen gegenüber politischen Akteuren. Viele sehen die SAF zwar als mögliche staatliche Nachkriegsstruktur, betonen jedoch den Bedarf grundlegender Reformen. Ein ziviler politischer Prozess existiert faktisch nicht mehr.

Ziviler Widerstand zwischen Hoffnung und Repression

Die Gemeinschaftsküchen und lokalen Hilfsnetzwerke gehen vielfach auf die Resistance Committees zurück, die bereits während der Militärherrschaft entstanden. Gerade deshalb werden sie von SAF und RSF als politische Gegner betrachtet. Zivile Stimmen, die sich gegen beide Kriegsparteien aussprechen oder Neutralität einfordern, werden verfolgt. Die SAF fordert offen den Ausschluss ziviler Kräfte aus einer möglichen Nachkriegsregierung.

Anfang 2025 kam es zusätzlich zu einer Spaltung der zivilen politischen Kräfte. Teile der islamischen Bewegung des Sudan stellten sich offen auf die Seite der SAF, mit dem Ziel, nach Kriegsende politischen Einfluss zurückzugewinnen – eine Bewegung, die bereits unter al-Bashir eine tragende Rolle gespielt hatte. Dies führte zur Flucht zahlreicher intellektueller und politischer Führungspersönlichkeiten.

Die Zivilbevölkerung ist beiden Seiten schonunglos ausgeliefert – Symbolbild Bild: KI-generiert

Gegen alle Widerstände existiert weiterhin eine lebendige politische zivile Szene. Lokale Initiativen, oft getragen von Frauen und jungen Menschen, schützen Infrastruktur, organisieren Nachbarschaftshilfe und füllen dort Lücken, wo internationale Hilfe nicht mehr ankommt.

Eine Gesellschaft im Überlebensmodus

Die im Sommer 2025 in Kraft getretenen US-Sanktionen der Trump-Administration verschärfen die Lage weiter. Sie treffen eine bereits kollabierte Wirtschaft und schränken den humanitären Sektor zusätzlich ein. Parallel diskutiert die sudanesische Diaspora offen über eine mögliche territoriale Aufspaltung des Landes in mehrere Einzelstaaten.

Der Krieg hinterlässt eine Zivilgesellschaft, die fragmentiert ist und kaum noch Raum für politische Mitgestaltung besitzt. An die Stelle gesellschaftlicher Debatten sind existenzielle Fragen getreten: Wie überlebt man den nächsten Tag – und wie entgeht man der eigenen Vernichtung?

Externe Interessen und das Versagen internationaler Politik im Sudan

Der Krieg im Sudan ist längst kein rein innerstaatlicher Konflikt mehr. Eine Vielzahl regionaler Mächte ist direkt oder indirekt involviert. Ihre zentrale Motivation liegt in geopolitischen Interessen und dem Zugang zu strategischen Ressourcen: Gold, fruchtbare Agrarflächen sowie die Kontrolle über Wasserressourcen des Nils. Diese Interessen überlagern humanitäre Erwägungen und tragen zur Verlängerung des Konflikts bei.

Zu den wichtigsten Unterstützern zählen Ägypten, dass die Sudanese Armed Forces (SAF) unterstützt, sowie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die als zentraler Förderer der Rapid Support Forces (RSF) gelten.

Unterstützer der SAF

  • Ägypten (Waffenlieferungen, Luftunterstützung)
  • Iran (Waffen, Drohnentechnologie)
  • Eritrea (Ausbildungscamps)
  • Ukraine (Spezialkommandos)
  • Saudi-Arabien
  • Türkei (Drohnen)
  • Russland

Unterstützer der RSF

  • Vereinigte Arabische Emirate (Waffen, gepanzerte Fahrzeuge, Munition, Drohnen)
  • Südsudan
  • Tschad
  • Libyen
  • Russland (über die Wagner-Gruppe, mittlerweile eingestellt)

Die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate

Während Ägypten seine politische und militärische Unterstützung für die SAF offen zeigt, agieren die VAE deutlich zurückhaltender auf diplomatischer Ebene und konzentrieren sich auf materielle Hilfe für die RSF. Ein zentrales Motiv liegt in der Kontrolle der sudanesischen Goldförderung. Die RSF beherrscht große Teile der Goldminen des Landes, aus denen die VAE auch während des Krieges erhebliche Mengen Gold beziehen. Der Export erfolgt über Unternehmen im Umfeld des RSF-Führers Mohamed Hamdan Dagalo („Hemedti“) nach Dubai.

Ökonomische Interessen allein erklären jedoch nicht die hochriskante Unterstützung einer Miliz, die für massive Menschenrechtsverbrechen verantwortlich gemacht wird. Abu Dhabi lehnt islamistische Machtbeteiligungen in der Region konsequent ab und engagiert sich für deren Eindämmung. Die enge Verflechtung der SAF mit Teilen der sudanesischen Muslimbruderschaft gilt den VAE zufolge als Sicherheitsrisiko. Anders als Saudi-Arabien traut Abu Dhabi dem SAF-Führer al-Burhan nicht zu, diese Kräfte dauerhaft zu kontrollieren.

Hinzu kommt eine persönliche Dimension: Zwischen dem Präsidenten der VAE, Mohamed bin Zayed al-Nahyan (MBZ), und Hemedti besteht seit dem Einsatz von RSF-Truppen im Jemenkrieg eine enge Schutz- und Unterstützerbeziehung. Offiziell bestreiten die VAE jede militärische Unterstützung – Diplomaten und Analysten können die Motive daher nur indirekt rekonstruieren.

Ägyptens strategische Interessen

Ägyptens Unterstützung der SAF folgt klaren geopolitischen Kalkülen. Für Kairo ist die Kontrolle über die Nilquellen ein vitales nationales Interesse. Ein Machtverlust der SAF würde Ägyptens Position im regionalen Wasserkonflikt schwächen. Zudem lebt ein großer Teil der sudanesischen Diaspora in Ägypten, was zusätzliche politische und sicherheitspolitische Berührungspunkte schafft.

Wasser als sicherheitspolitische Schlüsselressource

Wasser spielt im Sudan – wie in vielen anderen Konfliktregionen – eine zentrale, oft unterschätzte Rolle. Sicherheit wird hier nicht allein militärisch definiert, sondern durch systemische Faktoren wie Wasser- und Ernährungssicherheit geprägt. Wasser ist dabei selten absolut knapp, sondern politisch ungleich verteilt und strategisch kontrolliert. Diese Ungleichverteilung schafft Spannungen, begünstigt Gewalt und verstärkt bestehende Konfliktlinien.

Für Ägypten ist der Nil eine vitale Lebensader. Die Kontrolle über die Nilquellen und deren politische Absicherung gehören zu den Kerninteressen Kairos. Ein Machtverlust der SAF würde Ägyptens Position in regionalen Wasserkonflikten schwächen. Zugleich verschärft der Klimawandel Dürren und Flutereignisse, zerstört Ernten und erhöht den Druck auf fragile Gesellschaften. Wasser wird damit indirekt zu einem Multiplikator von Hunger, Migration und Instabilität.

Der Sudan zeigt exemplarisch, wie fehlende Wasserdiplomatie und nationale Egoismen präventive Sicherheitspolitik unterminieren. Kooperation, die Spannungen entschärfen könnte, bleibt aus – mit gravierenden Folgen für die Zivilbevölkerung.

Beziehungsgeflecht zwischen den Unterstützern des Krieges

Gleichzeitig sind Ägypten und die VAE wirtschaftlich eng verflochten. Allein in die Entwicklung der ägyptischen Mittelmeerküste investierten die VAE rund 35 Milliarden US-Dollar. Ägypten wiederum ist auf sudanesische Ressourcen angewiesen, um seine angeschlagene Wirtschaft zu stabilisieren. Diese gegenseitigen Abhängigkeiten führten in der Vergangenheit dazu, dass Ägypten politische Prozesse unterstützte, die die SAF deutlich bevorzugten.

Bemerkenswert ist, dass keiner der externen Unterstützer durch den Krieg substanzielle geopolitische Nachteile erleidet. Der Konflikt gefährdet primär die Zivilbevölkerung – nicht die Interessen seiner internationalen Förderer.

Riad gegen Abu Dhabi

Der Sudan ist zugleich ein Schauplatz regionaler Machtkonkurrenz. Die früheren Verbündeten Saudi-Arabien und Abu Dhabi stehen sich indirekt gegenüber. Während Riad formell auf Vermittlung setzt, unterstützt Abu Dhabi faktisch die RSF. Diese Rivalität trägt zur weiteren Fragmentierung der internationalen Diplomatie bei und schwächt kohärente Friedensinitiativen.

Der offene Bruch wurde im Dezember 2025 sichtbar, als der von den VAE unterstützte Southern Transitional Council (STC) im Jemen eine Offensive startete und Gebiete nahe der saudischen Grenze eroberte. Riad wertete dies als Bedrohung seiner nationalen Sicherheit und als Bruch informeller Absprachen mit Abu Dhabi.

Dieser Konflikt markiert das Ende einer einst eng koordinierten Golfpartnerschaft. Aus Kooperation ist geopolitische Konkurrenz geworden – um Ressourcen, Einflussräume und strategische Technologien. Der Sudan nimmt in diesem Machtkampf eine Schlüsselrolle ein. Während Saudi-Arabien die SAF und die zentrale Staatsstruktur unterstützt, fördern die VAE die RSF, die große Teile des informellen Goldhandels kontrolliert und Zugang zu Routen Richtung Rotes Meer besitzt.

Hinzu kommt die unterschiedliche Haltung zu Israel. Saudi-Arabien verweigert bislang eine Normalisierung und sieht die wachsende Nähe zwischen den VAE und Israel als strategische Einkreisung. Die RSF unterhält Beziehungen zu Israel, während Saudi-Arabien bemüht ist, seinen regionalen Führungsanspruch zu sichern und den emiratischen Einfluss einzudämmen – durch militärische Unterstützung der SAF und diplomatischen Druck auf Partnerstaaten.

Der Westen: Ignoranz, Instrumentalisierung und gescheiterte Diplomatie

Die humanitäre Katastrophe im Sudan wäre prädestiniert für einen multilateralen Lösungsansatz. Dennoch bleibt das Engagement westlicher Staaten begrenzt. Die erste Trump-Administration betrachtete den Sudan primär als Geschäftsbeziehung und konzentrierte sich auf Reparationszahlungen, etwa im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die USS Cole.

Die Biden-Administration initiierte zwar Gespräche gemeinsam mit Saudi-Arabien, doch fehlte es an nachhaltiger politischer Rückendeckung auf höchster Ebene. Hinzu kommt die enge Beziehung der USA zu Ägypten und den VAE, deren Interessen im Sudan teilweise gegensätzlich sind. Im Januar 2025 verhängte Washington Sanktionen gegen die beiden Kriegsparteiführer Hemedti und al-Burhan wegen Menschenrechtsverbrechen und Völkermordvorwürfen. Substantielle Fortschritte blieben jedoch aus.

Anthony Blinken at QUAD meeting Foto: Department of State, Public Domain

Auch unter der zweiten Trump-Administration zeichnen sich keine ernsthaften Bemühungen zur Konfliktlösung ab. Neue US-Sanktionen, die am 6. Juni 2025 in Kraft traten, treffen vor allem den humanitären und wirtschaftlichen Sektor – und damit indirekt die Zivilbevölkerung. Sowohl unter Biden als auch unter Trump gilt der Sudan faktisch als nachrangiges außenpolitisches Problem.

Europa zwischen Migrationspolitik und Rückzug

Die EU und Deutschland kürzten in den vergangenen Jahren Hilfsgelder und kooperierten mit dem früheren Regime al-Bashir bei der Sicherung der sudanesischen Grenzen zur Eindämmung von Migration. Der Sudan galt lange als strategischer Partner zur Kontrolle der Mittelmeerroute. Kurzfristige Erfolge wurden langfristiger Stabilität vorgezogen.

Zwischen 2016 und 2019 fehlten nachhaltige Bemühungen zur politischen Transformation. Heute sind die USA und die EU stark mit eigenen Krisen beschäftigt, wodurch dem Sudan erneut Aufmerksamkeit und politische Kapazitäten entzogen werden.

Das Scheitern internationaler Vermittlungsformate

Zahlreiche Vermittlungsinitiativen – unter anderem durch die USA, Saudi-Arabien, die UN, die Afrikanische Union (AU) und die Intergovernmental Authority on Development (IGAD) – blieben bisher ohne greifbares Ergebnis. Deutschland setzte auf eine mandatsgestützte multilaterale Lösung, doch diese Ansätze leiden unter institutioneller Trägheit und politischen Spannungen. Die UN-Mission im Sudan wurde im Februar 2024 massiv reduziert.

Grundsätzlich steht der klassische Ansatz, alle bewaffneten Gruppen in Verhandlungen einzubinden, zunehmend in der Kritik. Angesichts von über hundert bewaffneten Akteuren ist dieser Weg kaum praktikabel und sendet ein problematisches Signal: Gewalt wird als legitimes Mittel politischer Teilhabe belohnt. Gleichzeitig ist die Zivilgesellschaft in diesen Formaten kaum vertreten.

Derzeit ist kein internationaler Akteur in einer realistisch erfolgversprechenden Vermittlungsposition. Der Westen ist politisch abgelenkt, die Golfstaaten handeln primär interessengeleitet, und die UN sowie die AU sind zu geschwächt, um ein wirksames Forum zu schaffen. Treffen wurden wiederholt verschoben, direkte Gespräche verweigert.

Das Scheitern internationaler Vermittlungsversuche ist weniger Ausdruck mangelnder Initiativen als struktureller Fehlannahmen. Verhandlungsformate, die auf staatliche Akteure zugeschnitten sind, treffen auf einen Konflikt, der von fragmentierten Milizen, externen Sponsoren und marginalisierten zivilen Kräften geprägt ist.

Ein internationalisierter Krieg ohne internationale Lösung

Der Krieg im Sudan ist längst internationalisiert. Die entscheidenden Hebel zur Beendigung des Konflikts liegen heute am Golf – nicht mehr in Khartum. Ohne entschlossenes Engagement auf höchster Ebene, insbesondere seitens der US-Administration, droht eine weitere Destabilisierung des Horns von Afrika. Die Folgen wären neue Fluchtbewegungen, regionale Eskalation und eine weitere Normalisierung von Hunger und Gewalt gegen Zivilisten als Mittel der Kriegsführung.

Die humanitäre Katastrophe im Sudan wäre prädestiniert für einen entschlossenen multilateralen Ansatz. Doch der Westen agiert zögerlich. Sowohl die USA als auch die EU betrachten den Sudan faktisch als nachrangiges Problem. Sanktionen wurden verhängt, Verhandlungen angestoßen – doch ohne nachhaltige politische Priorisierung. Gleichzeitig sind westliche Staaten eng mit Ägypten, Saudi-Arabien und den VAE verbunden, deren Interessen im Sudan divergieren. Diese Abhängigkeiten begrenzen den Handlungsspielraum. Die EU wiederum ist stark mit internen Krisen und Migrationspolitik beschäftigt. Der Sudan bleibt Randthema – trotz der Gefahr regionaler Eskalation.

Internationale Vermittlungsformate unter Beteiligung der UN, der Afrikanischen Union oder regionaler Organisationen blieben bislang erfolglos. Klassische Ansätze, alle bewaffneten Gruppen einzubinden, scheitern an der Vielzahl von Akteuren und der Marginalisierung der Zivilgesellschaft. Ein neutraler, durchsetzungsfähiger Vermittler ist derzeit nicht in Sicht. Zugleich liegt im Versagen klassischer Konfliktlösungsansätze die Chance neue Ansätze zu testen, beispielsweise in dem bei der Auswahl der Verhandlungspartner: innen, die Kontrolle und das Knowhow über Wasser- und Ernährungssicherheit stärker gewichtet wird.

Der Krieg im Sudan ist ein Testfall für die fragmentierende internationale Ordnung. Hunger, Wasserknappheit und neue Formen der Kriegsführung sind keine Nebenfolgen, sondern integrale Bestandteile der Gewalt. Externe Akteure sichern ihre Interessen, ohne selbst substanzielle Kosten zu tragen. Die entscheidenden Hebel zur Konfliktbeendigung liegen längst außerhalb des Landes – insbesondere am Golf. Ohne hochrangige politische Initiative, vor allem seitens der USA, droht eine weitere Destabilisierung des Horns von Afrika. Die Folgen wären neue Fluchtbewegungen, regionale Eskalation und die fortschreitende Normalisierung von Gewalt gegen Zivilisten. Der Sudan zeigt damit in aller Schärfe: Wo Sicherheit rein militärisch gedacht wird und systemische Faktoren wie Wasser, Ernährung und zivile Strukturen ignoriert werden, bleibt echter Frieden unerreichbar.


Quellenverzeichnis


Analysen und Reports


Fachartikel und internationale Analysen


Nachrichtenberichte und journalistische Quellen


Humanitäre und sicherheitspolitische Hintergründe


Sicherheitspolitische Debatten


Ein Kommentar zu „Hunger als Strategie: Der Krieg im Sudan und das Versagen der internationalen Ordnung“

  1. Avatar von powerdoc
    powerdoc

    Hallo Herr Betzner,
    sehr umfangreich und informativ

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